Das Erlebnis des Tages
Das alte und das neue Leben
Morgens sofort nach dem Aufstehen gehe ich immer zum Fenster und schaue in den Himmel. Ich suche den leuchtenden Morgenstern. Doch an diesem Tag wurden meine Augen davon angezogen, dass die Wiese vor dem Haus, die abgefallenen Blätter unter den Büschen und die Äste der Bäume weiß glitzerten. Ein feiner Frost hatte jedes Tröpfchen Feuchtigkeit in Raureif verwandelt.
Ich musste zur ersten Stunde in der Schule sein. Mit mir stiegen viele Schüler und Schülerinnen in den Bus ein. Als er losfuhr, fingen die Mädchen auf der hinteren langen Bank an zu singen: Schneeflöckchen Weißröckchen... Alle Gespräche verstummten und bis zu der Haltestelle, an der ich aussteigen musste, wanderten meine Gedanken mit den Schneeflocken aus den Wolken auf die Erde.
Als ich dann vor der Klasse stand – es ist eine zweite Klasse, mit der ich vor ein paar Monaten begonnen habe, einmal in einer Deutschstunde pro Woche kleine Gedichte zu schreiben -, erzählte ich den Kindern von dem Mädchenchor im Bus.und fragte: „Was ist das, womit uns heute die Natur überrascht hat? Es ist weiß wie Schnee, aber es ist kein Schnee. Der Schnee kommt aus den Wolken. Was ist das, was heute auch die Wege und Straßen weiß gefärbt hat? Wie ist diese weiße Decke über Nacht entstanden?“ Zögernd und langsam kamen die Kinder mit mir ins Gespräch und irgendwann hatten wir die Erklärung. Dann meinte ich: „Die deutsche Sprache hat für dieses Naturphänomen einen eigenen Begriff. Weiß den jemand?“ Schweigen. Die Kinder kannten das Wort „Raureif“ nicht. Es ist ein sehr altes Wort und wir gebrauchen es nur sehr selten. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir in den letzten zurückliegenden Winterzeiten so einen schönen Raureif zu sehen bekamen. Dann begannen wir mit dem Gedichteschreiben.
Wenn ich mich morgen wieder mit meinen kleinen Poeten treffe, werde ich noch einmal auf den Raureif zurückkommen. Ich werde die Kinder bitten, wenn ihnen so ein unbekanntes und vielleicht uraltes Wort begegnet, es sofort aufzuschreiben und es mit in die Schule zu bringen. Mal sehen, was für ein Wörterbuch wir am Ende des zweiten Schuljahrs auf den Tisch legen können.
Jedes Leben hat eine eigene Sprache. Aber wir sollten versuchen, die alten Wörter nicht in das totale Vergessen absinken zu lassen. Denn sie sind für uns Heutige die Verbindung zum Leben unserer Großeltern und Urgroßeltern.

unsere Weggefährten lassen Träume wirbeln
in Wasser und Schnee
von Ast zu Ast
und wieder und wieder
himmelwärts
zurückgekehrt
aus blauen Fernen
bringen sie uns
wieder zum Träumen
im Ruhen und Denken
in Gras und blühendem Klee
Leben
