VACAT - eine Gemeinschaftsaktion der Gruppe Art Event

meine Erinnerungen in Wort und Bild

Inspirationsquelle Baum

Im November 2010 betrat ich das erste Mal ganz allein den Hof in der Teltower Breitestraße 28. Ich ging bis zum Buschland im hinteren Teil und drehte mich. Nur Schneeflocken umkreisten mich. Mit ihnen fand ich meinen Platz in der freien Mitte des Hofes, mit dem Blick zum Hoftor. Leider war ich ohne Fotoapparat gekommen. So stand ich minutenlang unbeweglich und ließ das winterliche Grau der Erde und der Gebäude auf mich wirken. Umwirbelt vom Weiß des Schnees, fühlte ich mich allein und einsam, bis meine Augen an der Kastanie hängen blieben.
Ich ging zu ihr, lehnte mich an den mächtigen Stamm und befühlte die rissige Rinde. Schon in diesem Moment war für mich klar, dass ich etwas mit diesem Baum, in dem Baum, unter dem Baum machen will. Ich sagte mir: Wenn ich keinen Raum zum Gestalten bekomme (und es gab nur zwei, aber 12 Künstler und Künstlerinnen), dann muss es die Kastanie sein. So kam es.
Als ich den Baum wiedersah, war es März. Als ich anfing, meine VACAT-Idee umzusetzen, war die Mitte des Monats Mai 2011 überschritten. Die Kastanie war natürlich voll belaubt, bereits abgeblüht, aber noch mit den aufgestellten Fruchtständen und ließ viele ihrer kleinen, grünen Früchte in den Kastanienkinderwald und in den staubtrockenen Sand zu ihren Füßen fallen.

Wind und märkische Hoferde

Nachdem ich mich über Wochen mit den philosophischen Hintergründen zur Thematik der Leere beschäftigte, kristallisierte sich irgendwann der Gedanke heraus, dass ich mit einem transparenten Material arbeiten, dieses in eine einfachen Form (Quadrat oder Rechteck, mit einer Öffnung, um aus der scheinbaren Leere des Körpers das Auge des Menschen in die Leere des Raumes hinter diese Fenstern zu lenken) bringen will und dass dieser Körper, nein viele dieser kleinen Körper schweben sollen sozusagen schwimmen in einer scheinbaren Leere der Luft. Das Schweben konnte ich nur mit meiner Freundin der Kastanie verwirklichen.

Mit meinem Neffen, der von Beruf Dachdecker ist, gelang es mir, dünne Drähte bis hoch in den Baum zu ziehen bzw. sie von oben herunterfallen zu lassen.

Wind und märkische Hoferde

Zu Hause hatte ich 50 kleine Fenster aus dünner Folien geschnitten. Dann ging ich daran, diese Körper an die Drähte zu binden. Und jetzt kam er, der Wind, und spielte mit mir und meinen Fenstern, warf sie zur Seite und drehte sie zu einem dicken Zopf zusammen. Na ja, dachte ich, dann bringt der Wind eben sein eigenes Kunstwerk hervor. Ich war auf dem Wege, mich damit abzufinden. Aber am allerschlimmsten war, dass der Wind in die Hoferde fuhr und sie aufwirbelte. Meine filigranen Folien-Fenster saugten die Staubkörnchen auf. Sie verloren damit ihre Durchsichtigkeit.
  
Als ich am dritten ArtEvent-Arbeitstag auf den Hof kam flogen sie als staubige „Brummer" unter der Kastanie herum. Ich sah mir das noch einige Zeit mit an, war ärgerlich, traurig, unentschlossen... Dann griff ich zur Schere, entfernte die Folienkörper, ließ aber die Golddrähte leer hängen und fuhr etwas frustriert nach Hause.

Über Nacht drehte ich meine Ausgangsidee und es entstand ein anderes Spiel mit dem Schein, mit dem leeren Schein, mit der scheinbaren Leere...

Ein Fenster blieb zurück

Während meines Galeriedienstes in der Ausstellungswoche entdeckte ich irgendwann, dass ich eine meiner kleinen Skulpturen vergessen hatte. Nur ab und zu blitzten Sonnenfunken in der Folie, weit hinten dicht an dem mächtigen Stamm hing sie und drehte sich an ihrem Golddraht im Wind. Ich versuchte, mit einigen Fotos den Eindruck wiederzugeben, den ich mir anfänglich durch die große Anzahl der Folienfensterchen versprach. Aus dieser Fülle sollte das Auge durch die Öffnung, die ich in die Mitte das „Rahmens“ geschnitten hatte, in die scheinbare Leere hinter meinen Gebilden entweder mit dem Blick in den Hof hinein oder zum Stamm bzw. zu den Büschen hinter dem Stamm geführt werden. Durch die von mir vorgegebene Öffnung sollte die Aufmerksamkeit des Betrachters auf einen kleinen Ausschnitt des „Gesamtbildes“ Hofes gelenkt werden. Bei dem einen gelang das irgendwie doch, was die Fotos belegen. Aber ob das in der Reihe mit 50 Fensterchen bei Windstille hätte auch gelingen können, bleibt offen.

 
Art Event 2011 ist vorbei.
Es lebe Art Event 2012!

Die Sonne und ihr Schein

Auch wenn auf den Fotos die goldfarbenen Drähte fast wie dicke Lianen wirken, so sind sie doch so fein, dass sie beim Betreten des Hofes fast unsichtbar für das menschliche Auge sind. Erst durch das Berühren von Haar und Gesicht der Vorübergehenden wird der Mensch gewahr, dass da etwas ist. Als dann die Sonne ihre Strahlen durch die Äste und Blätter der Kastanie drängelte, inmitten der ersten grünen Lebensblätter der vielen Kastanienkindern am Fuße von Mutter-Vater einen goldenen Lichtkreis malte und mich ein Lichtstern blendete, da war ich glücklich, dass es so gekommen ist: SCHEIN.

Schein

Ein freistehender Baum scheint anderes neben sich nicht zu dulden. Er imponiert durch seine Größe.

Vor 100 Jahren oder mehr besetzte eine Kastanie einen zufällig freien Fleck in diesem Hof. Nur in dieser Freiheit konnte sie wachsen, sich behaupten und ausbreiten.

Um sich entfalten zu können, brauchen Körper die Leere. Um sich zu verändern, die Reibung mit anderen.

Das horizontale Schwingen der Äste, Zweige, Blätter in die Leere des Raumes hinein, den sich der Baum im Laufe seines Lebens schuf, wurde durch dünne Sonnen-Drähte in die Vertikale geführt. An ihnen kann der Blick durch die scheinbare Leere hinaufgleiten. Manche Goldfäden, die teilweise aus der Krone des Baumes fallen, spürt man erst, dann werden sie sichtbar.

Wenn das menschliche Auge nichts sieht, bedeutet es nicht, dass da wirklich Leere ist.

In den Spannungsbogen von leerem Schein und scheinbarer Leere reckt sich die hoch aufgerichtete Holzpalette. Ihre Zwischenräume - geöffneten Fenstern gleich - fesseln den Blick. Der Raum dahinter ist leer.

Oder ist er das nicht?