VACAT - oder 12 Versuche „Leere" zu gestalten.
Zum 11. Mal lädt die Künstlergruppe ArtEvent
ein - in diesem Jahr unter dem Titel VACAT
in die Teltower Altstadt (Breite St. 28, 14513 Teltow).
Wer ein Buch in die Hand nimmt, aufschlägt und
mit der Lektüre beginnen müchte, hat zunüchst eine
weiße Seite vor sich. Buchdrucker nennen das „vacat".
Für die Mitglieder des ArtEvent wird daraus
der Impuls für eine erweiterte philosophische Fragestellung.
Geht jedem gelungenen Anfang Leere voraus? Wie lässt
sich Leere gestalten? Und kann sie vielleicht sogar
so besetzt werden, dass für den Betrachter selbst
Abwesendes noch mitschwingt?
VACAT ist Titel und Motto vom ArtEvent
2011. Es findet vom 23.Mai bis 5. Juni in einem
Hofgelände inmitten der Altstadt von Teltow statt.
So darf wenigstens einmal das Fehlende, Abwesende
- das Vakuum - in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken.
Mit unterschiedlichen Konzepten, Materialien und
Techniken suchen 11 Künstlerinnen und Künstler aus
Teltow, Stahnsdorf und Kleinmachnow nach ihrer persönlichen
künstlerischen Antwort auf das Thema. Als diesjähriger
Gast von ArtEvent wird der Berliner Bildhauer
Hartmut Sy eine Großskulptur aus Edelstahl ausstellen,
und vor Ort eine zweite Skulptur entwickeln. Das
Spannungsverhültnis zwischen Leere/Bewegung/Transparenz
und Fülle/Starre/Materie ist ein Hauptthema seiner
Arbeiten.
Die für das Kunstprojekt VACAT gewählte
Örtlichkeit, unspektakulär eingefasst von Wohnhäusern,
Remisen und Brandmauern, hat selbst etwas von einem
unbeschriebenen Blatt: Eine großzügige Leere mit
wenig charakteristischen Vorgaben bildet die ideale
Vorrausetzung dafür, künstlerisch „besetzt" zu werden.
Besucher haben die Gelegenheit, das Entstehen
der Kunstwerke - Installationen, Skulpturen, Malerei
- hautnah zu erleben und mit den Künstlern, die
in der Arbeitsphase vom 23.- 27. Mai zwischen 10
und 16 Uhr vor Ort sein werden ins Gespräch zu kommen.
Erster Höhepunkt ist die Vernissage am Samstag,
den 28.Mai 2011 um 15 Uhr, mit einer Performance
des Potsdamer Pantomimen Robert Große. Vom 29.-
bis 05.06. künnen dann die Kunstwerke im Hof täglich
von 15- 18 Uhr besichtigt werden. Eine Finissage
am 5.Juni um 15 Uhr beschließt das ArtEvent 2011.
Weitere Informationen über die beteiligten Künstler
und die Idee des ArtEvent unter
www.art-event-gruppe.de
Die beteiligten Künstler und ihre Projekte:
Wenn das menschliche Auge im Moment nichts sieht,
bedeutet es nicht , dass da wirklich nichts ist.
Mit solch einer scheinbaren Leere spielt
Helma Hörath unter der alten Kastanie.
Die Goldfäden, die sie teilweise aus der Krone des
Baumes fallen ließ, spürt man, dann werden sie sichtbar.
Die kleinen Fenster, geschnitten aus transparenter
Folie, stehen offen. Der Raum dahinter ist leer.
Oder ist er das nicht?
Anke Fountis will mit ihrer
Klanginstallation eine Irritation der Wahrnehmung
hervorrufen: Das Auge sieht nicht, was das Ohr hört.
Etwas fehlt. In ihrem Bild von der Sternennacht
geht sie sogar noch weiter. Sieht der Blinde mehr
als der Sehende? Was sieht der Blinde, wenn er gewahr
wird? Die Unermesslichkeit dessen, was außerhalb
unserer Wahrnehmung existiert - eine gigantische
„Leer"stelle.
Jessi Kobek betrachtet diese
„Leere" als eine Art Tor zu etwas bisher Verborgenem.
Dahinter öffnet sich ein Universum von Geschichten.
Das weiße Blatt, die nackte Wand oder eine Schranktür
sind scheinbar im Wege stehende Abgrenzungen. Wer
sie überwindet, darf die vorgefundenen Inhalte verändern,
hinzufügen, wegnehmen, neu ordnen. Die Variationen
sind unendlich, das Ende ist offen…
Anke Mühlig richtet die Aufmerksamkeit
auf das, was mit Worten nicht gesagt wird und stattdessen
zwischen den Zeilen steht. Ihre Papierinstallation
aus zerschnittenen Texten legt nahe, dass Buchstaben
zwar versuchen, einen Inhalt in Fesseln zu legen,
dass sich die Wahrheit aber nicht knebeln lässt
und stattdessen zwischen den Worten hervor lugt.
Julia Ehrt schafft mit ihrer
„Legung in Teltow " ein unbesetztes Plätzchen, ein
liegendes Bild, das zur freien Landschaft in der
dicht bebauten Innenstadt wird.
Vacat - hier ist es, eine Anordnung von weißen Steinen,
die einladen, sich darauf zu legen oder sie zu besetzen
und von dort die Umgebung, die Bekunstung oder gar
den freien Himmel zu betrachten.....
Der freie Himmel ist auch das Ziel der fünf Fassadenkletterer,
die Michael M. Heyers an der großen
Brandmauer zum Nachbargrundstück installiert. Die
Kletterer führen unseren Blick nach oben ins Unendliche
und bieten Zeit zum Nachdenken und Phantasieren.
Emma Maria Lange zeigt drei
ihrer charakteristischen Ton- Skulpturen auf Steinsockeln.
Die Figuren verweisen in ihrer Gebärde auf die Leere.
Emma Maria Lange beschäftigt sich mit der Frage,
wie Körpersprache „Leere" darstellen kann.
Beate Lein- Kunz konstruiert
einen Raum aus Stäben. Der so entstandene Innenraum
ist mit leeren Kleiderbügeln gefüllt, die zu schweben
scheinen.
Frauke Schmidt –Theilig nimmt
mit ihren Fotocollagen das Thema VACAT wörtlich.
Sie hat die leeren Plätze der Teltower Altstadt
bemerkenswert eigenwillig dargestellt.
In einer anderen großformatigen Arbeit verwendet
sie Worte einer Sprache, die nicht jeder versteht,
Worte, die uns zunächst sinnentleert gegenüberstehen.
Erst die Übersetzung füllt diese gedankliche Leere.
- Vor Ort entsteht noch eine dritte Arbeit. Lassen
Sie sich überraschen!
Steffen Trodler fragt, wie sich
Leere darstellt. Ist sie wahrnehmbar? Ist die Leere
gleichzusetzen mit dem Nichts? Sein leerer Raum
ist begrenzt durch das Gegenteil, durch die Fülle.
Diese Gegensätze stehen in Abhängigkeit zueinander
– sie bedingen einander. Wie definiert sich die
Schnittstelle zwischen beiden Zuständen? Kann es
zur Verschmelzung dieses Kontrastpaares kommen?
Steffen Trodlers Installation macht die Auseinandersetzung
mit diesen Fragen erfahrbar.
Der Berliner Bildhauer Hartmut Sy
bereichert das ArtEvent 2011 als
Gastkünstler. Er schafft raumgreifende Skulpturen
aus Edelstahl und verzinntem Messing, oft in Verbindung
mit Pflastersteinen. Die von ihm geschweißten oder
gelöteten Metallstäbe "umschreiben" Würfel/Quader/Balken,
füllen sie aber nicht aus. Das Spannungsverhältnis
zwischen Leere/Bewegung/Transparenz und Fülle/Starre/Materie
ist Thema vieler seiner Arbeiten. In Teltow beschreitet
er einen neuen, auch biografischen Weg.
Die Frage, ob Leere sich darstellen und ausstellen
lässt, werden die Besucher nach dem Rundgang schließlich
selbst beantworten.